Die einhändige Zügelführung

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In der akademischen Reitkunst ist es üblich, die Zügel in einer Hand zu führen. Wenn man das noch nie gemacht hat, fühlt es sich zunächst einmal seltsam an. Dabei ist diese Art der Zügelführung nicht unbedingt nur etwas für Fortgeschrittene, sondern kann Reitern auf jedem Level helfen, die Hilfengebung zu verfeinern.
Wir Menschen sind richtige “Greifwesen” – wir fassen alles gern an und nutzen unsere Hände ununterbrochen. Auch beim Reiten lösen wir Probleme gern mit der Hand. Genau das ist aber oft nicht zielführend, da der Kopf des Pferdes nur das Barometer ist und anzeigt “was wir hinten nicht getan haben”, wie Bent Branderup immer so schön sagt. Außerdem gibt es häufig Verständnisschwierigkeiten über die Aufgaben der Hand und die des Zügels.
Sprechen wir von “Hand”, dann meinen wir die direkte Verbindung zum Maul oder zum Schädel des Pferdes (beim gebisslosen Reiten). “Zügel” bezeichnet den Einsatz des Leders am Hals des Pferdes.
Die Hand benutzen wir zum Stellen des Pferdes, zum Lösen des Unterkiefers und zum Hineinfühlen in das Pferd in den verschiedenen Paraden. Wir sprechen hier vom “direkten” Zügel, mit dem wir direkt in das Ende der Wirbelsäule (denn der Kopf ist quasi das letzte Glied der Wirbelsäule) hineinspüren.
Mit dem Zügel führen wir die Schultern des Pferdes. Zum Rausbewegen der inneren Schulter legen wir den inneren Zügel an den Pferdehals, zum Reinbewegen der äußeren Schulter den äußeren. Dieser sogenannte indirekte Zügel ist wichtig beim Abwenden und zur Korrektur der Schulterbalance.
Zu Beginn der Ausbildung von Reiter und Pferd hat der indirekte Zügel einen viel höheren Stellenwert, da wir zuerst lernen, die Schultern des Pferdes zu führen. Genau diese Funktion des Zügels wird aber oft vernachlässigt bzw. nicht gelehrt, und stattdessen wird viel zu viel Kontakt zum Pferdemaul aufgenommen, wodurch unter anderem oft die natürliche Nickbewegung des Pferdes blockiert wird. Ebenso sieht man Abwenden und Biegen mit der inneren Hand. Natürlich kann man die Hand etwas zur Hilfe nehmen, wenn man dem Pferd Biegung beibringt, und zwar, in dem man die innere Hand etwas nach innen nimmt, also öffnet, so, als wolle man sich selbst longieren. Dies sollte aber nicht Dauerzustand sein und der Sitz, mit Unterstützung vom inneren Schenkel und eventuell dem äußeren Zügel, sollte diese Funktion bald übernehmen.
Generell sprechen wir bei Hand- und Zügelhilfen von Sekundärhilfen. Sie sind sekundär zum Sitz, der stets unsere Primärhilfe ist. Die Sekundärhilfen dienen dazu, dem Pferd unseren Sitz zu erklären. Und hier kommen wir wieder darauf zurück, warum die einhändige Zügelführung von Vorteil ist.
Vielleicht einer der wichtigsten Gründe ist: Wir können nicht so viel vorne “rumfummeln”. Wer kennt es nicht: Das Pferd drückt den Rücken weg, nimmt den Kopf hoch und mach den Hals steif. Einmal rechts, einmal links “durchgestellt”, wie
man es so oft sieht, und der Kopf ist wieder unten. Tatsächlich ist zwar der Kopf unten, aber die Ursachen, die dazu führten, wurden nicht behoben. Wenn wir einhändig reiten, können wir weniger manipulieren und fokussieren uns stattdessen darauf, die Form des Pferdes dort zu beeinflussen, wo sie entsteht. Wir haben Kapazität frei, um uns auf unseren Sitz, den Brustkorb des Pferdes, und die Hinterhand zu konzentrieren. Für das Pferd kann es zudem eine richtige Wohltat sein, wenn nicht so viele Signale auf seine Zunge und seine Maulwinkel gegeben werden.
Reiten wir mit einer Hand, dann haben wir die andere Hand frei, um mit der Gerte zu helfen. Die Gerte ist nämlich eine weitere wichtige Sekundärhilfe und das Pferd kennst sie meist schon aus der Bodenarbeit. Wir können sie immer dort einsetzen, wo das Pferd unsere Hilfe nicht zu versteht, zum Beispiel, wenn es sich nicht gut um den inneren Schenkel biegt oder die äußere Schulter nicht von äußeren Zügel führen lässt. Anstatt also Biegung mit der Hand erzeugen zu wollen, können wir lieber dem Pferd nochmal in Ruhe den um-sich-herumbiegenden Schenkel mit Hilfe des inneren Sitzknochens, des inneren Schenkels, und der Gerte erklären.
Ich rate meinen Schülern immer, die Zügel in der äußeren Hand zu führen, damit man besser in den Drehsitz kommt und die äußere Schulter etwas vor-, bzw. die innere etwas zurücknimmt. Damit platzieren wir oft auch schon unsere Hüften korrekt auf dem Zirkel und wir nehmen den äußeren Schenkel leicht zurück, der innere Schenkel kommt am Gurt zu liegen. Der indirekte, äußere Zügel führt die äußere Schulter und bekommt durch diese Drehung leichten Kontakt. Wechseln wir die Hand, wechseln wir auch die Zügelhand und drehen uns damit wieder in die neue Richtung.
Oft genügt es, die Schultern des Pferdes mit dem indirekten Zügel korrekt auf die Zirkellinie zu bringen und darauf zu achten, dass beide Vorderbeine gleich viel Gewicht tragen, um eine entspannte, leicht gebogene Form auf dem Zirkel zu erhalten. Sorgen wir dann noch dafür, dass der innere Hinterfuß des Pferdes korrekt unter den Schwerpunkt fußt und gehen wir weich mit der Pendelbewegung des Brustkorbes mit, den Schwung nach innen/ unten leicht betonend, dann erhalten wir Biegung, ohne etwas am Maul getan zu haben.
Die einhändige Zügelführung kann uns auch helfen, unsere Mitte besser zu spüren, da wir nur eine Zügelhand benutzen und diese mittig vor uns, über dem Widerrist, aufstellen. Hier kann man sich vorstellen, die Schultern und den Widerrist des Pferdes wie mit einem Joystick zu führen. Die Zügelhand sollte auch stets in dieser Position bleiben und nicht nach rechts oder links neben den Widerrist rutschen. Anheben und Absenken ist dagegen erlaubt.
Zugegeben, es ist erstmal ungewohnt und auch ein bisschen Fummelei, wenn man beginnt, mit einer Hand zu reiten. Aber glauben sie mir, es lohnt sich, selbst wenn man es nur zwischendrin mal einbaut. Mir persönlich hilft es sehr, mich auf meinen Sitz und die Hinterhand des Pferdes zu konzentrieren. Denn da passieren die wirklich spannenden Dinge. Probieren Sie es also ruhig aus!

Bettina Biolik

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